5.7. Veranstaltung: Unter Deutschen

5.7. | 19 Uhr | Infoladen Glimpflich / VL Ludwigstraße 37
Sozialer Frieden und nationale Burgfriedenspolitik in Deutschland

Vortrag von Holger Marcks

Deutschland klopft sich auf die Schulter. Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise waren hier bisher kaum spürbar. Während in anderen Ländern die sozialen Kämpfe anwuchsen, gilt die Bundesrepublik als Hort des sozialen Friedens. Möglich gemacht wurde dies durch einen international fast beispiellosen Pakt zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften. Letztere erklärten sich zum Verzicht bereit, im Interesse des „Standorts Deutschland“. Dieser konnte so seine aggressive Exportpolitik fortsetzen, die auf niedrigen Löhnen und geringen Streikzahlen basiert – auf Kosten anderer Länder, die im Wettbewerb mit Deutschland nicht mithalten können. Nicht ohne Grund wird die deutsche Wirtschaftspolitik international als egoistisch, ja sogar „nationalistisch“ kritisiert.

Das „Modell Deutschland“ gilt in neoliberalen Kreisen inzwischen als Erfolgsrezept. Insbesondere das deutsche Gewerkschaftsmodell findet immer mehr Anklang, da es für geringe Streikquoten, mäßige Löhne und somit einen attraktiven Standort sorge. Bereits vor der Krise wurden auf sozialpartnerschaftlichem Wege die Weichen gestellt: So ermöglichte das „Bündnis für Arbeit“, dass ohne größere Widerstände einer der international größten Niedriglohnsektoren geschaffen und ein umfassender Sozialabbau betrieben wurde. Seit langem schon sind Streiktage in Deutschland so gering wie in kaum einem anderen Land, fast nirgendwo sonst in Europa ist die Reallohnentwicklung so schlecht. Deutschland ist ein internationaler Sozialdumper geworden – mit Rückendeckung der Gewerkschaften.

Die deutsche Sozialpartnerschaft hat eine lange Tradition. Auch wenn Sie verschiedene politische Kontexte erfuhr, zieht sie sich wie ein roter Faden durch die Geschichte und bestimmt das Bild der Gewerkschaftsbewegung wie in keinem anderen Land: Von der Nationalisierung der Gewerkschaften und der Burgfriedenspolitik im Ersten Weltkrieg, über die Arbeitsgemeinschaften in der Weimarer Republik und die Deutsche Arbeitsfront, bis zur modernen Sozialpartnerschaft und den neuerlichen Vorstößen zur Einschränkung des Streikrechts.

Die Tradition des sozialen Friedens in Deutschland wird in diesem Vortrag dargestellt. Dabei steht die These zur Diskussion, dass die korporatistische Organisation der Arbeitsbeziehungen Klassenwidersprüche verschleiert und die Dynamik sozialer Widersprüche effektiv in nationalistische Bahnen lenkt. Referent: Holger Marcks.